Joseph Campbells Heldenreise

Das Konzept der Heldenreise hat Drehbuchschreiber für Hollywood sowie andere Autoren der letzten Jahrzehnte stark beeinflusst. Als Mythenforscher entdeckte der US-Professor Joseph Campbell in den 1940er Jahren, dass die Mythen, Märchen und Geschichten aller von ihm untersuchten Naturvölker immer wieder zentrale Gemeinsamkeiten aufweisen, so spielen immer wieder ähnliche Charaktere oder Archetypen eine Rolle, die Mythen haben eine gemeinsame Grundstruktur und in allen Mythen führen die Ereignisse in der Geschichte zu einer Veränderung der Ausgangssituation.

Die Studienergebnisse waren vor allem bedeutsam, weil die Mythen in Kulturen erzählt wurden, die räumlich und zeitlich weit entfernt voneinander lagen, so dass sie sich nicht beeinflusst haben konnten. Da jedoch die untersuchten Mythen nach demselben Schema funktionieren, kam Campbell mit seinen Studien zur Schlussfolgerung, dass es so etwas wie ein Ur-Schema für Geschichten geben muss.

Aus diesen Forschungsergebnissen hat Joseph Campbell das Konzept der Heldenreise entwickelt und als „A Hero with a Thousand Faces“ (dt.: „Der Heros in tausend Gestalten“) publiziert. Diese Heldenreise beschreibt typische, wiederkehrende Stationen und Handlungsmuster der Mythen aus aller Welt. Hier die Stationen der Heldenreise in Kurzform:

  • die Vorgeschichte mit dem Lebensalltag wird erzählt, ein Problem taucht auf, der Held wird gerufen, eine Aufgabe wartet auf ihn
  • der Held weigert sich zunächst jedoch, diesem Ruf zu folgen (zum Beispiel, weil er Sicherheiten aufgeben müsste)
  • er findet unerwartet Unterstützung bei einem (oder mehreren) Mentor(en)
  • die erste Schwelle wird überschritten: der Held überwindet sich und macht sich auf den Weg (diese Reise von der bisherigen Welt in eine andere Welt wird oft als Suche bzw. englisch Quest bezeichnet)
  • in der Station „Der Bauch des Walfischs“ wird dem Helden die Schwierigkeit der ganzen Aufgabe bewusst, die bevorstehenden Probleme überwältigen ihn
  • erste Probleme oder Prüfungen fordern den Helden heraus, vielleicht gibt es einen Widersacher, dessen Helfer sich hier dem Helden in den Weg stellen. Teilweise kommt es sogar zu einer Art von Abstieg in eine Unterwelt, der Held muss sich im Kampfe bewähren (das muss aber nicht unbedingt ein äußerlicher Kampf sein, es kann auch ein Kampf sein gegen innere Widerstände oder Illusionen)
  • in der Station „Die Begegnung mit der Göttin“ trifft der Held auf eine für ihn wichtige oder mächtige Frau (ist die Hauptfigur weiblich, so gibt es ein Zusammentreffen mit einem Mann)
  • nun wartet eine Versuchung auf den Helden, nämlich die Reise nicht fortzusetzen und stattdessen die schönen Seiten des Lebens zu genießen
  • als nächste Station erlangt der Held im Abschnitt „Versöhnung mit dem Vater“ die Erkenntnis, dass er ein Glied in einer Kette ist, dass er ein Erbe in sich trägt und auch, dass er sich selbst der Gegner ist
  • in einer Art von Offenbarung wird dem Helden klar, dass er ein mächtiges oder sogar göttliches Potential in sich trägt
  • als Segnung erhält der Held einen Gegenstand (häufig ein Schatz, Amulett oder ein Trank), mit dem er die Welt seines Lebensalltags retten kann (evtl. erhält er keinen Gegenstand, sondern gewinnt eine innere Erfahrung hinzu)
  • die nächste Station lässt den Held zögern, in die gewohnte Welt zurückzukehren
  • durch innere Beweggründe oder durch ein äußeres Ereignis macht sich der Held doch auf den Weg oder er muss vor bösen Kräften zurückfliehen
  • auf dem Rückweg kommt eine Rettung von außen, ausgelöst durch eine Handlung oder einen Gedanken auf dem Hinweg (oftmals hat er einem vermeintlich niederen Wesen etwas Gutes getan)
  • die Rückkehr über die Schwelle erfolgt, der Held erreicht wieder die Alltagswelt – in seiner Welt stößt er jedoch zunächst auf Unglauben oder Unverständnis; er muss zuerst das, was er von seiner Heldenreise mitgebracht hat (den Gegenstand oder seine Erfahrung) in sein Alltagsleben integrieren
  • in der Station „Herr der zwei Welten“ verknüpft der Held das Alltagsleben mit den neuen Erfahrungen und Einsichten, damit wird auch innere Welt und äußere Welt verknüpft
  • am Ende hat der Held auch die Alltagswelt (mehr oder weniger) verändert, indem das Umfeld von seinen Erfahrungen profitiert und selbst neue Möglichkeiten entdeckt

Die Heldenreise nach Joseph Campbell ist aber doch sehr mythisch angelegt und für das moderne Storytelling im Marketing weniger geeignet. Der Hollywood-Drehbuchautor Christopher Vogler hat daher Campbells klassische Heldenreise gestrafft und eine praktischere Form gegossen. Die Stationen dieser modernen Heldenreise werden in „Storytelling für Dummies“ vorgestellt.