Berührende Geschichte

Vor einigen Tagen habe ich mal wieder gründlich rund um den Schreibtisch aufgeräumt. Ich gebe zu, dass mir das Wegwerfen von Papieren und Unterlagen schwer fällt, daher sammelt sich regelmäßig zu viel Papierkram bei mir an. Ab und zu ist dann Aufräumen angesagt.

Beim Kruschteln und Sortieren ist mir ein Brief von einem langjährigen Freund in die Hand gefallen, der leider nach einem Schlaganfall nicht mehr ganz da ist. Umso wertvoller sind dann die Erinnerungen an den Menschen wie er früher einmal war. Im Brief war ausgedruckt aus dem Internet eine sehr berührende Geschichte. Vermutlich ist diese Geschichten in den Weiten des Internets schon tausende Male geteilt worden, aber sie war wirklich so berührend, dass ich sie an dieser Stelle auch gern teilen möchte. Leider kenne ich den Urheber nicht, daher gebe ich die Geschichte in meinen eigenen Worten wieder:

Ein Taxifahrer in New York wird zu einer Adresse bestellt, parkt das Auto vornedran und hupt wie gewöhnlich. Aber kein Fahrgast kommt aus der Tür. Also hupt er nochmal. Nichts passiert. Die Schichte war fast zu Ende, es sollte die letzte Fahrt sein. Wenn niemand kommt, hätte er eigentlich wieder wegfahren können. Der Taxifahrer entschied sich jedoch, das Auto abzustellen und zur Haustür zu gehen.

Als er klingelte, hörte er drin eine alte und gebrechliche Stimme sagen: „Einen Moment bitte noch“. Es vergingen nochmals ein paar Augenblicke, bis sich die Tür öffnete. Eine kleine, alte Frau stand in der Tür, vielleicht 90 Jahre alt, in einem geblümten Kleid und einem Hut, wie er in den 1940er Jahren modern war. Durch die offene Tür konnte der Taxifahrer sehen, dass alle Möbel mit Tüchern abgedeckt waren, die Wände waren leer, die Wohnung sah wie verlassen aus. In der Ecke war noch ein Karton mit Fotos und Erinnerungsstücken.

„Könnten Sie mir bitte meinen Koffer zum Auto tragen?“, fragte die Frau. Der Taxifahrer nahm den Koffer und verstaute ihn im Kofferraum. Dann ging er zurück zu der Frau und half ihr, zum Taxi zu laufen. Die alte Frau bedankte sich für die Hilfe.

„Das ist doch selbstverständlich“, antwortete der Taxifahrer, „meine älteren Fahrgästen behandele ich so als wenn es meine Mutter wäre“. „Sie sind wirklich vorbildlich, junger Mann“, freute sich die alte Dame.

Als die Dame im Taxi saß, nannte sie dem Fahrer die Adresse – und fragte zögernd, ob er vielleicht durch die Stadt hindurch fahren könnte.
„Das ist aber nicht der schnellste Weg“, gab der Fahrer zu bedenken, „es ist sogar ein sehr großer Umweg“.
„Das macht nichts“, erwiderte die alte Dame, „ich habe noch genug Zeit auf dem Weg in das Hospiz“.
„Hospiz?“, dachte der Taxifahrer erschrocken, „dort gehen die Leute doch hin, um beim Sterben nicht allein zu sein!“. Er schaute in den Rückspiegel in die Augen der alten Frau.
„Ich habe keine Familie mehr“, erzählte sie, „und mein Arzt sagt, mir bleiben nur noch ein paar Tage“. Spontan schaltete der Taxifahrer das Taxameter aus. „Sagen Sie mir einfach, wo ich entlang fahren soll“, bat er die alte Frau.

In den nächsten Stunden fuhren sie einfach nur kreuz und quer durch die Stadt. Die alte Frau zeigt ihm das Büro, in dem sie früher gearbeitet hatte. An der Stelle eines Einkaufszentrums stand früher das Tanzlokal, in dem sie als junges Mädchen oft und gern tanzen war. Sie zeigte ihm das Haus, in dem sie mit ihrem Mann gelebt hatte, als sie „noch jung und wild“ waren.
Bei manchen Gebäuden oder Plätzen sagte sie auch nichts, schaute einfach nur aus dem Fenster und schien mit ihren Gedanken weit zurück, in einer längst vergangenen Welt zu sein. Der Himmel rötete sich allmählich. Ohne es zu merken, waren die beiden die ganze Nacht durch die Stadt gefahren. „Ich bin jetzt müde“, sagte die alte Frau, „fahren wir zu meinem Zielort“.

In tiefem Schweigen ging die Fahrt zum Hospiz, ein kleines, freundliches Haus am Stadtrand. Ein Pfleger kam zum Auto und half der alten Frau auszusteigen. Während sie Platz nahm in einem Rollstuhl, trug der Taxifahrer den Koffer zur Eingangstür.

„Wie viel bekommen sie von mir für die Fahrt“, fragte die alte Dame. „Nichts“, antwortete der Taxifahrer. „Sie müssen aber doch Ihr Geld verdienen“, erwiderte sie. „Es gibt noch andere Fahrgäste“, so die Antwort des Taxifahrers. Dann umarmte er die alte Dame und sie hielt sich für einen kurzen Moment an ihm fest.

„Sie haben einer alten Frau auf ihren letzten Metern noch ein klein wenig Freude und Glück geschenkt. Danke!“, sagte sie dem Taxifahrer mit feuchten Augen. Er drückte ihre Hand und ging in den Tag mit der aufgehenden Sonne entgegen. Hinter ihm schloss sich die Tür des Hospizes. Für ihn klang es wie der Abschluss eines Lebens.

Für eine Weile fuhr er ziellos durch die Gegend, versunken in Gedanken. Was wäre gewesen, wenn er nach dem ersten Hupen weitergefahren wäre? Was wäre gewesen, wenn die alte Dame einen Taxifahrer gehabt hätte, der – womöglich noch schlecht gelaunt – nur schnell seine Fahrt hätte beenden wollen? Im Nachhinein dachte der Taxifahrer, dass dies die wichtigste Fahrt in seinem Leben gewesen war. Denn nicht das Höher, Schneller, Weiter zählt, sondern am Ende sind es die kleinen Momente im Leben, die wirklich von Wert sind.

Wir sollten uns Zeit nehmen für die kleinen und wichtigen Momente im Leben, so das Fazit der Geschichte. Und dazu gehört auch, nicht gleich nach dem Hupen loszufahren, sondern sich etwas Zeit zu nehmen – dann erst können wir diese kleinen Momente entdecken … vielleicht sogar jetzt in der Weihnachtszeit? In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein schönes Fest, besinnliche Festtage und einen guten Rutsch ins Neue Jahr …

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