Aus der Materialsammlung: Storytelling aussortiert

Wie ich vor ein paar Tagen bereits erzählt habe, bin ich mit dem Storytelling-Buch jetzt ein großes Stück weitergekommen. Momentan bin ich auch dabei, in meiner noch nicht oder noch unstrukturierten Sammlung von Ideen und Notizen einige Themen oder Punkte wieder rauszuschmeißen. Es gibt eine Geschichte, die ich für das Buch sehr faszinierend fand, die ich aber doch nicht aufnehmen werde.

Im Wirtschaftsmagazin BrandEins habe ich ein wunderbares Beispiel dafür gefunden, wie man mit erstklassigem Storytelling aus einer simplen Gesichtscreme einen fast einzigartigen Mythos erschaffen kann: in diesem Fall die Luxus-Pflegecreme La Mer.

Wir kaufen das Produkt – aber vor allem eine gute Geschichte.“

Die LaMer-Story erzählt, die superteure Creme sei von einem Raketenphysiker entwickelt worden, der Mitte der 1950er Jahre bei der Explosion von Raketentreibstoff schwere Verbrennungen und Verätzungen erlitten hat. Sein ganzes Gesicht sei entstellt gewesen. Die auf dem Markt befindlichen Tinkturen oder Salbenkuren seien wirkungslos geblieben. Der bis dahin sehr lebenslustige Wissenschaftler habe daraufhin die NASA mit einer satten Abfindung verlassen und sich der Erforschung einer wirkungsvollen Creme verschrieben, die seine entstellte Haut eines Tages vollständig regenerieren könnte.

Nach 12 Jahren unermüdlicher Forschung und nach etlichen tausend Versuchen sei endlich der ersehnte Erfolg eingetreten: eine Creme, mit der die Narben im Gesicht wie mit einem Zaubermittel oder Wunderelixier verschwunden seien – seine Haut hätte sich von Grund auf regeneriert.

Das Geheimnis dieses Wundermittels liege in einem speziellen Seealgentang aus dem Nordpazifik, der wie in BrandEins zu lesen ist „nur zweimal im Jahr und nur bei Vollmond mit der Hand geerntet werden könne“ und anschließend einen „einzigartigen, biotechnologischen Fermentierungsprozess“ durchlaufe, der sich über mehrere Monate zieht. Plus noch eine Handabfüllung wegen der empfindlichen Wirkstoffe – und schon gibt es eine Erklärung, warum diese Creme so unglaublich viel Geld kostet. Aber stimmt diese Geschichte überhaupt?

Authentisch? Oder erstklassiger Fake?

Wer sich wie die US-Schönheitsbloggerin „The Critical Babe“ näher mit der Geschichte beschäftigt und nach Hintergründen recherchiert, entdeckt grundlegende Lücken: So konnte sie überhaupt keinen Beweis finden, dass ein NASA-Mitarbeiter namens Dr. Max Huber jemals existierte ebenso wenig wie die Tochter, die nach seinem Tod die Rezeptur angeblich verkauft hat. Und auch die angebliche Explosion durch Raketentreibstoff bei der NASA ist aus ihrer Sicht fraglich.

Im Original: „The issue here is: there is absolutely no evidence that anyone named Max Huber, who allegedly worked for NASA, ever existed. The story (Name des Kosmetikunternehmens) tells is that Huber’s daughter sold the rights to (Name des Kosmetikunternehmens), yet there is no evidence either person existed. No obituary. No history of an accident in a NASA lab. Nothing.“

Noch haben sich diese Storytelling-Lücken nicht herumgesprochen, vielleicht wird es auch nie „viral gehen“ und hunderttausendfach verbreitet werden. Wie im BrandEins-Artikel zu lesen, kann das Unternehmen ja auch mit einer ganzen Reihe prominenter Kundinnen aus dem Showbiz punkten. Und so werden auch in den nächsten Jahren tausende Frauen diese Zaubercreme kaufen und an diese wunderbare Entstehungsgeschichte glauben.

Es geht bei einer solchen Geschichte nämlich gar nicht um so lästige Fakten. Es geht einfach nur um diese perfekte emotionale Verpackung.

Mit dem entsprechenden Werbebudget und einigen prominenten und einflussreichen Stars an der Spitze ist natürlich die Voraussetzung gegeben, um aus einer relativ unspektakulären Creme („The Critical Babe“ erwähnt Mineralöl, Petroleum, Glycerin, Lanolin und Eukalyptusblattöl) eine absolute Sensation zu machen.

Ein solches Wundermittel-Storytelling dürfte für die Zielgruppe meines Buches eher schwierig werden: welcher Solo-Selbständige oder Freiberufler oder welches kleine Unternehmen hat schon die dafür nötigen finanziellen Ressourcen?



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